Promovieren in der Medizin – Sinnvoll oder sinnlos?

Meine eigene Erfahrung
Bevor ich meine Doktorarbeit im 6. Semester begonnen habe, hatte ich viele Fragen: Warum soll ich überhaupt eine Doktorarbeit beginnen? Ist es der Doktortitel wirklich wert, so viel Zeit zu investieren? Was ist, wenn ich später in einer Praxis arbeiten will? Ist der Titel dann überhaupt wichtig? Das alles ging mir durch den Kopf.
Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass es gut wäre, wenn ich mir für die Zukunft alle Möglichkeiten offen lassen würde, denn wir wissen nie, wozu so ein Titel gut sein kann. Aus eigener Erfahrung kann ich heute sagen, dass ich froh bin, diese Arbeit auf mich genommen zu haben.

Die Situation in Deutschland
In Deutschland sind circa 70% aller Mediziner promoviert. Wenn Sie später eine Karriere in der Uni anstreben, sollten Sie auf jeden Fall einen Doktortitel vorzuweisen haben. Sie finden wahrscheinlich zu Beginn ihrer Arbeitstätigkeit auch ohne Doktortitel eine Stelle an der Uni. Allerdings beträgt die Maximalbeschäftigungsdauer ohne Titel 6 (an manchen Unis 7) Jahre. Danach ist keine Anstellung an der Uni mehr möglich. Diese Tatsache führt manchmal zu absurden Situationen, wie zuletzt einer meiner Kolleginnen geschehen, die trotz bereits beim Dekanat eingereichter Doktorarbeit aufgrund strenger Gesetzesauslegung vier Wochen nicht mehr in der Uni angestellt sein durfte, bis sie dann ihr Rigorosum bestanden hatte, und wieder mitarbeiten durfte.

Vorteile eines Doktortitels

In der eigenen Praxis
Möglicherweise genießen Sie auch bei Ihren Patienten ein höheres Ansehen, die gerne einen „richtigen Doktor“ vor sich haben und nicht automatisch wissen, dass der Doktortitel ihren Doktor auch nicht unbedingt qualifizierter macht für das, was für den Patienten wichtig ist.

Wissenschaftliche Karriere in der Uniklinik machen
Was bietet eine Doktorarbeit noch? Im Idealfall kann eine Doktorarbeit die Basis für eine wissenschaftliche Karriere sein, die auch nach Abschluss eine Weiterarbeit im selben Labor bietet. So eine Doktorarbeit kann auch dazu führen, dass Sie nach Studienabschluss eine Stelle in der Abteilung Ihres Doktorvaters angeboten bekommen.

Unbezahlbares Fachwissen
Nicht zu unterschätzen ist auch das Fachwissen, dass man sich im Verlauf seiner Doktorarbeit zum Thema Literaturrecherche und Beurteilung von Studienergebnissen aneignet. So sind Sie nicht von der Interpretation der Studienergebnisse durch den Pharmareferenten abhängig, der versucht, Ihnen ein neues Medikament schmackhaft zu machen, sondern bilden sich eine eigene unabhängige Meinung, die auch Ihren Patienten zugutekommt.

Der Doktortitel in der Pharmaindustrie, im Medizinjournalismus & Co
Inzwischen arbeiten immer mehr Mediziner in fachfremden Bereichen wie z.B. Pharmafirmen, als Medizinjournalisten oder in Unternehmensberatungen. Auch wenn diese Arbeiten nichts mit dem Doktortitel zu tun haben, werden Sie von dem Titel profitieren. Nicht, weil Sie unbedingt fachlich qualifizierter sind, sondern weil Sie vom Arbeitgeber für qualifizierter und kompetenter gehalten werden und er Sie lieber als den Mitbewerber ohne Doktortitel einstellen wird.
Fazit: Es lohnt sich für einen Mediziner aus vielen Gründen, zu promovieren. Noch nicht erwähnt habe ich die Freude am Experimentieren und das gute Gefühl, das ein Doktorand hat, wenn seine Anstrengungen nach vielen Versuchen im Labor am Ende erfolgreich sind.

Autorin: Dr. med. Jasmin Webinger

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