Aufschieben als natürlicher Schutzmechanismus oder: Wie bekomme ich das Aufschieben in den Griff?

„Aufschieberitis“ ist ein ausgeprägtes Problem während der Promotion. Bekämpfen Sie das Aufschieben nicht, sondern lernen Sie, den (oder die) Auslöser zu finden und zu beseitigen.

Eine kleine Geschichte

Ein Mann reitet durch den Dschungel auf seinem Elefanten. Er trägt eine schwere Gemüseladung, die auf dem Markt im nächsten Dorf verkauft werden soll. Sie kommen spät, sie müssen sich beeilen. Auf einmal hält das Tier an, bewegt sich nicht mehr. Was nun? „Los, los! Du faules Tier! Beweg dich doch!“ ruft der Mann, aber der Elefant lässt sich nicht beeindrucken. Der Reiter steigt ab, versucht, den Elefanten zu schieben, er klopft ihn sanft an, dann immer härter, er tritt und schlägt ihn mit den Fäusten, „Los!, Komm schon!“. Nichts hilft. Was kann der Reiter tun?

Das Problem

Kennen Sie das Gefühl, genau zu wissen, was Sie tun müssten, aber Sie können sich mit aller Kraft nicht dazu bringen, es zu tun? Sie sollten z.B. an der Einleitung Ihrer Dissertation arbeiten. Stattdessen geht der Tag vorbei, und Sie tun alles mögliche, lesen, aufräumen, sogar die Steuererklärung ist fertig: nur die Einleitung bleibt unberührt. Dieses Verhalten nennt man Aufschieben oder Prokrastination. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer/innen meiner Zeit- und Selbstmanagement Kurse für Promovierende berichten, regelmäßig aufzuschieben. Wenn Sie also unter „Aufschieberitis“ leiden, sind Sie nicht alleine.

Was diese Geschichte mit unserem Problem zu tun hat

Das Elefant-Reiter-Bild hilft uns zu verstehen, was in solchen Momenten des Aufschiebens in uns vorgeht. Es ist ein Metapher für die Art der Kooperation (oder der Mangel derer) zwischen zwei Teilen unseres Gehirns [1]. Der Reiter stellt den Neokortex dar, das rationale Gehirn, das, das aus uns Menschen (und Wissenschaftler/innen) macht. Der Neokortex (genauer gesagt der präfrontale Kortex)  macht Pläne, er entscheidet, was zu tun ist. Der Elefant symbolisiert das sogenannte lymbische System, das sich mit höchster Effizienz durch automatische Programme, Reflexe und Gefühle um unser Überleben kümmert. Gerade Wissenschaftler/innen identifizieren sich stark mit dem Reiter und vergessen oft den Elefanten. Die Evolution hat aber dem Überleben eine hohe Priorität verliehen und so hat das lymbische System (der Elefant) die Fähigkeit, den präfrontalen Kortex (unser Reiter) in bedrohlichen Situationen zu blockieren. Wenn wir extrem hungrig oder in Gefahr sind, übernimmt das lymbische System weitgehend die Kontrolle: wir können nicht klar und abstrakt denken, sondern uns nur auf das konkrete, aktuelle Problem fokussieren. Und das ist gut so: Überleben geht vor! Die Promotionsarbeit aufzuschieben fühlt sich genau so an: der Reiter gibt Befehle aber der Elefant findet diese Ziele problematisch oder bedrohlich und blockiert.

Aufschieben als natürlicher Schutzmechanismus

Warum reagiert der Elefant so oft negativ auf die Promotionsarbeit oder auf Teile davon? Ganz ehrlich: finden Sie nicht, dass der Elefant gute Argumente hat, die Arbeit an der Dissertation als Drohung einzustufen? Wer will sich freiwillig der Verteidigung stellen? Wer ist nicht müde nach der Arbeit in der Klinik oder Praxis? Wer scheut nicht die vielen Entscheidungen, die auf dem Weg getroffen werden müssen? Wer konfrontiert sich gerne mit seiner Orientierungslosigkeit? Erst wenn wir diese Probleme als solche erkennen, können wir anfangen, Lösungen zu entwerfen und auszuprobieren.

Wege aus der Prokastination

Wenn wir aufschieben, helfen also rationale Überzeugungsargumente nicht: Diese sprechen alleine den Reiter an, der sowieso blockiert wird. Der bloße Willen hilft auch nicht lange, denn wer kann schon einen Elefanten schieben? Den Elefanten zu beschimpfen lässt das Hindernis auch nicht verschwinden: es ist reine Zeit- und Energieverschwendung. Was kann der Reiter also tun? Wie kann er den Elefanten überzeugen, weiter zu laufen? Der erste Schritt ist, die gute Absicht des Elefanten zu erkennen, ihn nicht als „dummes Tier“ zu betrachten, sondern als Teil des Teams, als Partner der prinzipiell kooperativ ist. Wenn ich mich beim aufschieben ertappe, hat das sicher etwas zu bedeuten. Der Reiter soll sein Blick für einen Moment weg vom Ziel und hin zum Hier und Jetzt richten. So kann er absteigen (und der Elefant sich entspannen), um den konkreten Grund zu finden, warum das Tier „streikt“. Versperrt ein Baum den Weg? Gibt es ein tiefes Loch? Oder anders gesagt: Verhalte ich mich gerade perfektionistisch? Ist die Aufgabe klar umrissen? Es kann erst weitergehen, wenn der Störfaktor beseitigt ist.

Die Lösung

Fazit ist, Aufschieben ist nur ein Symptom, bzw. eine schlechte Lösung für das eigentliche Problem. Tun Sie sich und Ihren Zeitmanagement einen Gefallen, hören Sie auf, weiter „zu versuchen“ und  betreiben Sie so schnell wie möglich Ursachenforschung. Nur wenn Sie eine „Diagnose“ haben, können Sie die richtige Behandlung wählen. Wenn einmal der Weg geklärt ist, kann der Reiter auf seinem mächtigen Tier mit voller Geschwindigkeit Richtung Promotion reiten und sein Ziel zügig erreichen.

 

[1] The Procrastination Equation, Piers Steel, PhD, Harper, 2012

[2] Bild: ©panthermedia.net Elena Elisseeva

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